Erfahrungen

Mitte Juli 2000 bin ich nach Nordirland in die Camphill Community Glencraig geflogen und hab dort die ersten zwei Wochen als Shortstayer verbracht. Shortstayer sind meist ueber die Sommerferien da und helfen im Garten und im Haus aus, sind also nicht so in die Arbeit mit den Einwohnern intgriert. Danach haben wir dann das Haus fertig gemacht fuer die Kinder. Bis dahin war es noch ein „nettes Leben“. Die Kinder sind dann in der zweiten Augustwoche aus den Ferien zurück gekommen.

Am Anfang war es erstmal Hammer, man wird ins kalte Wasser geworfen. Es gibt zwar einen Einführungskurs, aber der behandelt eher die Theorie. Der Rest ist „learning by doing“ oder wird einem von anderen gezeigt, die schon etwas länger da sind. Da man die Kinder auch noch nicht kennt, tanzen die einem teilweise auf dem Kopf rum. Am Anfang war ich auch den Tagesablauf noch überhaupt nicht gewöhnt und lag Abends nur todmüde im Bett.. Dazu kommt noch die Umstellung mit „solchen Menschen“ zusammen zu leben. Am Anfang ist Windeln wechseln, Sabber abwischen, und die Essgewohnheiten einiger, sicher ein kleiner Kulturschock, zumindest war es das für mich.

Auch die Eigenheiten der Einwohner könne einen ganz schon „überraschen“: Ein Autist kann bei Stress ziemlich aggressiv werden. Oder auf etwas so fixiert sein, dass man von der Kraft eines 14 Jährigen Mädchen gehörig überrascht ist: auch Lederschuhe sind zu zerreißen, Messer sind dafür natürlich ungleich besser geeignet…

Auch die Erziehung ist etwas anders als man es gewöhnt ist. Druck auszuüben ist praktisch nicht erlaubt, was einige Kinder schnell raus haben und dann mit einem machen, was sie wollen. Wer hier nicht Ruhe ausstrahlen kann und in einer solchen Situation die Kontrolle über sich selbst verliert, hat schnell ganz verloren. Bei Ausrastern soll nur eingegriffen werden, wenn andere zu Schaden kommen können. Ansonsten heißt es „hinterher sauber machen“.

Durchhänger

Nach einiger Zeit wurde die Arbeit dann teilweise eintönig, weil man jeden Tag das selbe macht. Das ist so gewollt, da insbesondere die autistischen Einwohner sehr viel ruhiger sind, wenn ihr Leben in bestimmten Bahnen verläuft. Daher auch die Morgen- und Abendkreise. Das artet dann manchmal in einer richtigen Durchhänger aus, in der man das Gefühl hat, das einem alles über den Kopf wächst und von allem zu viel hat.

Auch hat man immer jemanden um sich rum. Zurückziehen ist eher nicht möglich, und wenn dann nur nach der Arbeit. Alleine „vor sich hin machen“ geht nicht.

Auf der anderen Seite ist es ein richtiges Erfolgserlebnis, wenn der kleine Racker endlich mal was gelernt hat, z.B. bei einem Wutanfall nicht mit Sachen um sich geworfen hat oder aus dem Haus gelaufen ist. Die kleinen Dinge machen’s. Je besser man seine „Dormitory children“ kennt, desto mehr erreicht man bei und mit ihnen. Und umso mehr kann man dann mit ihnen machen.

Interessant wird es, wenn man mit den „kleinen Rackern“ zusammen ausgeht, sei es abends ins Theater oder am Nachmittag zum Einkaufen. Dort wird einem richtig bewusst, wie anders das Leben „dort draußen“ ist. Man wird angeglotzt für Dinge, die einem schon gar nicht mehr auffallen.

Freizeit

Freunde findet man ziemlich leicht. Überall ist man mit Coworkern zusammen, im Haus, in der Schule/Workshop oder wenn man mit seinen Kindern an den Strand geht. Zu erzählen hat man sich auch immer was, hier eigenen sich die kleinen Anekdoten aus dem Alltag („Du hättest sie mit dem Schuh im Mund sehen sollen, oder nachdem sie ihre Bettdecke gefetzt hat.“) bestens. „Gossip“ (Tratsch) gibt’s auch überall und ist sehr schnell rum. Zum nächsten Haus sind es auch nur ein paar Schritte und eine Tasse Tee gibt’s überall. Von außerhalb des Camphills hab ich allerdings niemanden kennengelernt, da man am Abend nicht so oft die Zeit hat nochmal richtig wegzugehen. Das mag in anderen Camphills aber anders sein.

Abends weggehen konnte man bei uns ganz gut, zum nächsten Pub waren es 5 Minuten mit der Bahn, Belfast oder Bangor waren 15 min weg. In Nord Irland gibt es, so habe ich mir sagen lassen, mehr Frauen als Männer, was zu einem „harten Konkurrenzkampf“ um die wenigen gutausehenden (laut unseren Coworkerinnen gab es keine :) ) nord-irischen Männer führt, was sich insbesondere in der Kleidung wiederspiegelt. Teilweise echt zum schlapplachen…

Day Off

Am Day Off hatte man dann die Möglichkeit zum Einkaufen und sonstigen Erledigungen. Meistens habe ich bis Mittag geschlafen um wenigstens einmal in der Woche ausgeschlafen zu sein. Da man aber mit den Kindern Tür an Tür wohnt kann es passieren, dass man schon morgens um 7 Uhr geweckt wird, weil die Kids wieder durchs Haus jagen mussten Oder mitten in der Nacht der marode Feueralarm losgeht. Ich hatte zum Glück einen sehr festen Schlaf, das ich sogar das überschlafen habe :).

Andere sind aber auch an ihren Day Offs durch NI gefahren und haben sich die Gegend angesehen. Da ich für solche Kulturtrips eher nicht zu begeistern bin, hab ich auch von Irland nicht so viel gesehen. Die kinderlose Zeit habe ich lieber zum Lesen genutzt.

Geld

Für mich haben die 100 Pfund monatlich für das tägliche Leben gereicht. Allerdings hatte ich den Vorteil, das ich Bier nicht mag und deswegen in den Pubs immer gut weggekommen bin. Da man wenig Freizeit hat, gibt man automatisch weniger Geld im Monat aus. Zusammen mit den 450 Pfund „Travelmoney“ des Camphills konnte ich damit ganz behaglich meine Day Offs verbringen.

Insgesamt sind damit bei mir am Ende 2000 Euro an Ersparnissen für das Jahr „draufgegangen“. Darin enthalten sind die Versicherungs- und die Verwaltungskosten der Freunde (800 Euro), einmal der normale Hinflug (300 Euro) und zwei weiterer Hin und Rückflüge (Bewerbungsgespräche in Deutschland für die Zeit nach dem ADiA), die auch heftig zu Buche geschlagen haben. Dazu dann noch die Heimreise. Wenn man es schafft einen guten Förderkreis aufzubauen, brauch man aber wohl nichts zuzuschiessen.

Dank Ryanair und Konsorten würden heute vor allem die Flüge mit wesentlich weniger zu Buche schlagen: Frankfurt Hahn nach Belfast und zurück kostet ca. 140 Euro. Allerdings weiß ich da nicht, ob man dort auch mit 20kg Übergepäck (Rückreise…) durch den Check-In kommt. :)